Evangelische Kirchengemeinde Roßdorf

Rund um die Kirche

Die Kirche

1975 schrieb Herr Hans Schmunk folgenden Artikel, der die Geschichte der Evangelischen Kirchen in Roßdorf sehr schön dokumentiert:

Die alte und neue Kirche zu Roßdorf

Das vornehmste Gebäude eines Dorfes ist stets die Kirche gewesen. Sie prägte das Bild der Siedlung und war auch ihr geistiger Mittelpunkt. Auch heute nimmt sie noch einen bedeutenden Platz ein. So verkörpert die Dorfkirche gleichsam die geschichtliche Vergangenheit wie die lebendige Gegenwart.

Unser evangelisches Gotteshaus steht jetzt 125 Jahre. Es ist die Nachfolgerin einer früheren Kirche, die jahrhundertelang an gleicher Stelle stand. 1287 wurde erstmals ein Pfarrer in Roßdorf erwähnt, 1318 die Kirche. Wann die erste Kirche errichtet wurde und ob die 1849 abgebrochene Kirche eine Vorgängerin hatte, ist nicht bekannt.

Zur Zeit der Einführung der Reformation hatte das Gotteshaus drei Altäre, zu "Sankt Nikolaus", zu "Unser Lieben Frauen" und zu "Sankt Barbara". Eine Kirchturmuhr ist seit 1556 bezeugt.

Durch das Anwachsen der Gemeinde wurden im Laufe der Zeit An- und Umbauten an der alten Kirche nötig. Bekannt sind größere Bauarbeiten im Jahre 1579 und ein Anbau im Jahre 1672 auf der westlichen Seite der Kirche, wodurch eine Dachumdeckung nötig wurde. Ferner wurde eine Veränderung des "Innengebäudes" im Jahre 1709 vorgenommen.

1776 war der Turm so verfallen, dass wegen Einsturzgefahr nur noch mit der kleinsten Glocke geläutet werden durfte. Im Jahr darauf wurde der Turm restauriert und zugleich erhöht. Zu dieser Zeit war der Weihwasserkessel aus vorreformatorischer Zeit noch vorhanden, ebenso die Figuren der 12 Apostel, die nun entfernt und auf dem Dachboden abgestellt wurden. Leider hat der damalige Glöckner Balthasar Fatschel die Figuren heimlich als Brennholz verfeuert. Auch viele "Leichensteine", die in der Kirche vorhanden waren, wurden zerschlagen und vermauert.

Diese alte Kirche stand inmitten des damaligen Friedhofs, welcher "von hohen Böschungsmauern", so die Chronik, umgeben war. Beim Bau der jetzigen Erbacher Straße wurden größere Erdbewegungen nötig. Dadurch musste die Erhöhung rund um die Kirche eingeebnet werden. Im Jahre 1813 wurde ein neuer Friedhof "vor dem Ort" angelegt, der jetzige in der Beunegasse.

Durch das weitere schnelle Anwachsen der Gemeinde war Mitte des letzten Jahrhunderts ein Kirchenneubau unumgänglich geworden. Am 30. Juli 1848 wurde durch den damaligen Pfarrer Johann Jakob Matthias zum letzten Male Gottesdienst in der alten Kirche gehalten, gleich danach wurde sie abgebrochen. Vom 13. August an wurde der Gottesdienst behelfsmäßig im Rathaus gehalten. Im September wurde noch mit der Maurerarbeit am Neubau begonnen, die nach der Winterpause im März 1849 fortgesetzt wurde. Bis zum August waren dann Haus und Turm vollendet. Am Samstag, dem 25. August 1849, wurde das Kirchenkreuz auf den Turm gebracht.

Die Glocken hatte man behelfsmäßig zwischen Rathaus und Spritzenhaus aufgehängt. Schon am 29. September 1849 läuteten die drei Glocken vom neuen Turm zum ersten Male "5 Uhr" und am nächsten Tag am Kirchweih zum Gottesdienst.

Am Dienstag, dem 9. Oktober 1849, wurde in Anwesenheit des Erbauers der Kirche, dem Kreisbaumeister Krauß aus Dieburg, der Grundstein gelegt. Mit den drei symbolischen Hammerschlägen verschloss Pfarrer Matthias den Gedenkstein, der dann unter den Altar gesetzt wurde In ihm befinden sich eine genaue Ortsbeschreibung, die Namen sämtlicher Mitglieder der Orts-, Kirch- und Schulvorstände sowie der Name des Gemeinderechners. Ferner wurden von allen im Jahre 1849 gebräuchlichen Münzen je ein Stück, ein Schoppen Wein sowie von den Feldfrüchten des Jahres 1849 eine Hand voll Korn, Spelz, Weizen, Gerste und Hafer eingebracht.

Am 6. Oktober 1850 wurde dann die neue Kirche eingeweiht. Des morgens um 6.00 Uhr wurde die Feier mit allen drei Glocken eingeläutet. Um 9.30 Uhr versammelte sich die Gemeinde vorm Rathaus und unter Glockengeläute setzte sich ein Zug durch Roßdorf in Bewegung. Voran gingen die Bauhandwerker und der Gesangverein aus Darmstadt mit der Schuljugend. Danach folgte der Kirchenvorstand, der Superintendent und der Ortsgeistliche mit der Bibel. Auswärtige Geistliche und Beamte schlossen sich an, gefolgt von der Gemeinde, voran die männlichen dann die weiblichen Personen. Nach dem Erreichen der Kirche wurde dem Superintendenten der Kirchenschlüssel übergeben und die Kirche geöffnet. Nach Chorgesang, Kanzelgebet, Weiherede, Predigt und Gemeindegesang wurde das Heilige Abendmahl gefeiert.

In der Nacht vom 15. zum 16. Dezember 1850 hatte der Sturm das Kreuz auf dem Kirchturm so verbogen, dass dieses zur Reparatur heruntergeholt werden musste. Am 23. Januar 1851 wurde das Kreuz samt dem Wetterhahn von dem Dachdeckermeister Adam Geider aus Darmstadt wieder auf der Turmspitze befestigt. In seinem runden Knopf liegt die gleiche Beschreibung Roßdorfs wie im Gedenkstein unter dem Altar.

Im Herbst 1935 hing das vier Zentner schwere Kreuz wieder schief. Die Aufsichtsbehörde verfügte die Entfernung, weil die Gefahr bestand, dass es bei einem Wintersturm herabstürzen könnte. Am Freitag, dem 29. November, holte Dachdeckermeister Kreuzer den Turmhahn herunter. Es zeigte sich, daß ihn vor Jahren ein eifriger Schütze als Zielscheibe benutzt und auch etliche Male getroffen hatte. Danach wurde das Kreuz neu gerichtet und wieder auf den Turm gebracht. Es hat eine Höhe von 3,60 m. Es ist das Meisterstück des im Jahre 1908 verstorbenen Schlossermeisters Johannes Ewald I.

Im November 1860 wurde, für die damalige Zeit eine Seltenheit, eine Kirchenheizung eingebaut. Die bestand aus drei großen Porzellanöfen, welche mit Holz befeuert wurden. Diese wurden rechts und links der Kanzel und in der Sakristei aufgestellt. Das hatte zur Folge, dass beiderseits des Altars je drei Reihen Stühle entfernt werden mussten, welche für die Pfarrfamilie und den Kirchenvorstand sowie für die Lehrer und deren Angehörigen reserviert waren. Die Ofenheizung wurde erst vor einigen Jahren durch eine moderne Heizungsanlage ersetzt. Wesentliche Änderungen im Innenausbau der Kirche wurden seit 1860 nicht mehr vorgenommenen

Die Orgel

Die Orgel der Evangelischen Kirchengemeinde Roßdorf entstammt zwei verschiedenen Bauzeiten. Das heutige klingende Werk wurde 1915 erbaut. Zuvor war für den neuen Kirchenbau (1848/50) im Jahre 1851 eine Orgel der Firma Rothermel aus Zwingenberg mit 30 Registern errichtet worden. Von dieser Orgel ist bis heute der Orgelprospekt erhalten.

Das heutige Instrument ist eine pneumatische Kegelladen-Orgel der Firma Förster und Nicolaus aus Lich. Die Epoche ihres Baus wird als „romantische Epoche“ bezeichnet, somit eignet sie sich besonders für Werke aus der Zeit des späten 19. Jahrhunderts (Brahms, Karg-Elert, Reger u.a.). Sie hat 26 Register auf zwei Manuale verteilt. Die Orgel gilt als Rarität und steht unter Denkmalschutz.

Bei ihrer letzten Reinigung im Jahr 2000, bei der u.a. die noch originalen Ledermembranen aus dem Jahr 1915 ersetzt wurden, erhielt die Orgel einen Zimbelstern.

1. Manual 2. Manual (Schwellwerk) Pedale
Bourdon 16' Geigenprinzipal 8' Principalbass 16'
Principal 8' Flauto amabile 8' Subbass 16'
Gamba 8' Violine 8' Salicettbass 16'
Concertflöte 8' Quintatön 8' Octavbass 8'
Dolce 8' Aeoline 8' Cellobass 8'
Rohrflöte 4' Voix celestis 8' Flötebass 4'
Octave 4' Gedacktflöte 4' Manualcoppel
Octave 2' Fugara 4' Pedalcoppel I
Cornett 8' Picolo 2' Pedalcoppel II
Mixtur 2 2/3' Harmonia aetheria 2 2/3' Suboctavcoppel II-I
  Oboe 8' (labial) Superoctavcoppel II-I

 

Die Glocken der Kirche zu Roßdorf

Das Geläut unserer Glocken können Sie auch hier hören: Die Glocken der Kirche zu Roßdorf

Die Glocken der Roßdörfer Kirche haben eine bewegte Geschichte. Von den im Jahre 1615 vorhandenen vier Glocken, drei große und eine kleine, kamen in den Wirren des 30jährigen Krieges zwei abhanden. 1648 wurde eine neue zugekauft und 1719 eine der alten umgegossen. Dasselbe Schicksal teilten zwei alte Glocken 100 Jahre später.

Da im Jahre 1900 die kleinste Glocke beim Begräbnis des Schuhmachermeisters Konrad Weicker zersprang, die mittlere einen unschönen Klang hatte, wurde die Anschaffung von zwei neuen, harmonisch klingenden Glocken beschlossen. Der Auftrag wurde an den Glockengießer Karl Hamm in Frankenthal/Pfalz vergeben.

Die größte der neuen Glocken war die auf "e" gestimmte "Betglocke". Sie wog 848 kg und trug die Aufschrift "Wachet und betet", außerdem die Namen des Pfarrers, des Kirchenvorstandes und des Kirchendieners. Die mittlere, die "Gemeindeglocke", war auf "gis" gestimmt und wog 506 kg. Ihre Aufschrift lautet "Seid fleißig zu halten die Einigkeit" neben den Namen des Bürgermeisters und der Gemeinderatsmitglieder. Diese beiden Glocken fielen dem ersten Weltkrieg zum Opfer. Sie wurden 1917 vom Turm abgenommen, zerschlagen und an die Sammelstelle nach Ober Ramstadt abgeliefert. Die noch vorhandene "Schulglocke" war auf "h" gestimmt und wog 253 kg. Sie war mit der Aufschrift "Lasset die Kindlein zu mir kommen" sowie den Namen der Lehrer und des Schulvorstandes versehen.

Im Jahre 1924 wollte der Kirchenvorstand zwei neue Glocken beschaffen. Für dieses Projekt wurde auf Vorschlag des Kirchenrechners Georg Graf in der Gemeinde "Glockenanteilscheine" ausgegeben im Nennwert von 10, 25, 50 und 100 Mark. Die Gemeindemitglieder sollten durch den Ankauf der Anteilsscheine das Vorhaben unterstützen. Die Rückzahlung wurde ab Weihnachten 1925 zugesichert, wobei der jeweils Ausgeloste seinen Anteil mit 3 % Zinsen zurückerhielt. Die beiden Glocken wurden bei der Glockengießerei Schilling in Appolda bestellt und am 1. Osterfeiertag 1924 konnte Pfarrer Berck die Weihe vollziehen. Nur 15 Jahre dienten sie der Gemeinde. Am 23. Januar 1939 erklangen sie zum letzten Male, dann wurden sie abgeholt, weil das Metall für Rüstungszwecke benötigt wurde.

Schon 1946 beauftragte der Kirchenvorstand die Glockengießerei Gebr. Rincker in Sinn/Dillkreis mit der Lieferung von drei neuen Glocken. Langes Warten und die Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten waren notwendig bis endlich im Mürz 1949 die neuen Glocken kamen. Ermöglicht wurde die Beschaffung durch eine nach der Währungsreform im September 1948 in der Kirchengemeinde durchgeführte "Glockensammlung", die die für die damalige Zeit beachtliche Summe von DM 2867,-- eingebrachte.

Am Sonntag, dem 06.03.1949, wurde die mit frischem Tannengrün geschmückten neuen Glocken, die Herr Kloß kostenlos mit seinem Lkw in Sinn abgeholt hatte, feierlich nach Roßdorf eingeholt. Am darauf folgenden Sonntag wurden sie in einem Festgottesdienst unter der Mitwirkung von Kirchen- und Posaunenchor eingeweiht.

Die Totenglocke mit dem Ton "f" wiegt 940 kg und hat einen Durchmesser von 118 cm. Mit der Aufschrift "Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben" ist sie den Opfern beider Weltkriege gewidmet. Die Predigtglocke mit dem Ton "a" wiegt 470 kg mit einem Durchmesser von 94 cm. Ihre Aufschrift lautet "Selig sind die das Wort Gottes hören und bewahren". Die Gebetsglocke hat den Ton "c", ein Gewicht von 280 kg und 79 cm Durchmesser. Ihre Aufschrift "Selig sind die Knechte, die der Herr wachend findet". Das alte "Freudenglöcklein" mit dem Ton "d" wiegt 200 kg und hat einen Durchmesser von 71 cm. "Selig sind die, welche zum Abendmahl des Herrn berufen sind" verkündet seine Aufschrift.

Letzte Änderung: 27.09.2010